АРМИЯ   ЖИЗНИ                LIFE   ARMY

Our poll

Rate my site
Total of answers: 16

Statistics


Total online: 1
Guests: 1
Users: 0
Flag Counter
Home » 2026 » April » 4 » Das Geld war immer da
22:04
Das Geld war immer da

Wenn Barbara die Stromrechnung aufmacht, legt sie sie auf den Tisch und holt erst einmal tief Luft.

Siebenunddreißig Cent die Kilowattstunde, manchmal zweiundvierzig. Früher haben wir darüber nicht nachgedacht. Jetzt schon. Jeden Monat, wenn der Umschlag kommt, dieses kurze Zögern, bevor sie ihn aufschlitzt. Ich sehe es ihr an. Sie sagt nichts, ich auch nicht. Wir wissen beide, was drinsteht, ungefähr. Und wir wissen, dass wir es bezahlen werden — irgendwie, wie immer. Aber das „irgendwie" sitzt einem anders im Magen, wenn man seit drei Monaten kein festes Gehalt mehr hat.

Ich sage das nicht, um Mitleid zu wecken. Ich sage es, weil es wahr ist, und weil ich glaube, dass Dinge wahr sein dürfen, auch wenn sie unbequem sind.

Mein Name ist Andreas Schulz. Ich bin sechsundvierzig Jahre alt. Ich habe zwanzig Jahre lang bei Volkswagen in Zwickau gearbeitet. Zuerst den Golf, dann den ID.3, dann den ID.4. Facharbeiter, Linie drei, Frühschicht meistens, manchmal Nacht, manchmal Wochenende, wenn es sein musste. Ich habe es gern gemacht. Nicht weil es glamourös war — das war es nicht —, sondern weil es meins war. Weil ich wusste, was ich tue, und weil es einen Sinn hatte. Am Ende des Tages stand ein Auto da. Etwas Reales. Etwas, das man anfassen kann.

Seit drei Monaten stehe ich nicht mehr an der Linie.


Das Werk in Zwickau war einmal das modernste Elektroauto-Werk Europas. So haben sie es uns gesagt, und ich glaube, es stimmte sogar. Vollständig umgerüstet auf E-Mobilität, neunzigtausend Quadratmeter, fast neuntausend Beschäftigte auf dem Gelände — direkt und indirekt. Eine ganze Stadt hängt daran. Zwickau, Glauchau, die Dörfer dazwischen. Das ist nicht abstrakt. Das sind Leute, die ich kenne. Nachbarn. Kollegen. Der Mann vom Imbiss gegenüber vom Werkstor, der jeden Morgen um halb sechs schon offen hatte.

Dann kam, was kam.

Die Nachfrage nach Elektroautos brach ein. Nicht ein bisschen — deutlich. Die ID.3-Produktion wurde nach Wolfsburg verlagert. Die ID.4 nach Emden. Uns blieb der Q4 e-tron. Vorläufig. Und die Ankündigungen. Mehr als zwölfhundert Stellen wurden abgebaut — durch Aufhebungsverträge, ausgelaufene Zeitverträge, Vorruhestand für die Älteren. Ich war einer davon. Nicht der Jüngste mehr, nicht der Älteste. Mittendrin, wie immer.

Ich sage das ohne Bitterkeit. Oder ich versuche es zumindest. Die Bitterkeit ist da, ich wäre ein Lügner, wenn ich das abstritt. Aber ich will sie nicht zum Mittelpunkt machen. Sie verdient es nicht.


Letzte Woche habe ich gelesen, dass Deutschland in diesem Jahr 108 Milliarden Euro für die Bundeswehr ausgibt.

Einhundertacht Milliarden.

Ich habe die Zahl zweimal gelesen, weil ich dachte, ich hätte mich verlesen. Aber nein. Einhundertacht Milliarden Euro, allein in diesem Jahr. Und das ist erst der Anfang: Bis 2029 soll der Verteidigungsetat auf über 150 Milliarden steigen. Dazu kommt das Sondervermögen — fünfhundert Milliarden Euro, beschlossen im März letzten Jahres, eine Verfassungsänderung, Hebel an der Schuldenbremse, und fertig.

Fünfhundert Milliarden Euro.

In einem Abend, würde man fast sagen. Natürlich war es kein Abend — es gab Debatten, Verhandlungen, Koalitionsgespräche. Aber in der Geschwindigkeit, in der es am Ende ging, wenn der politische Wille erst einmal da ist — das war bemerkenswert. Fast bewundernswert, wenn man es nüchtern betrachtet.

Ich bin kein Volkswirt. Ich habe eine Ausbildung gemacht, bin Facharbeiter geworden, habe meinen Job gemacht und dabei einiges über Maschinen, Schichtpläne und Qualitätssicherung gelernt, aber keine Finanzwissenschaften studiert. Also nehme ich die Dinge so, wie ich sie sehe.

Und was ich sehe, ist Folgendes: Als Volkswagen ankündigte, Stellen abzubauen, hieß es: Markt. Nachfrage. Schuldenbremse. Wirtschaftliche Realität. Als Sachsen mehr Unterstützung für die Autoindustrie in der Transformation forderte, hieß es: Staatshilfe verzerrt den Wettbewerb. Als die IG Metall auf den Erhalt der Standorte bestand, hieß es: Gegen globale Trends kann man nicht ankämpfen.

Und dann, innerhalb weniger Monate: fünfhundert Milliarden.

Das Geld war immer da. Es kam darauf an, wofür man es wollte.


Ich sage das nicht, um gegen die Bundeswehr zu sein. Ich sage das ausdrücklich.

Mein Großvater hat den Krieg mitgemacht. Er ist 1947 aus der Gefangenschaft zurückgekehrt — abgemagert, mit leeren Händen und einem Blick, den ich als Kind nicht verstand, den ich heute besser verstehe. Er hat kaum je davon gesprochen. Einmal, ich war vielleicht zwölf oder dreizehn, hat er mir gesagt: Ein Land, das Kriege anfängt oder nicht verhindert, zahlt immer zweimal — erst mit Blut, dann mit Geld. Er sagte es ohne Pathos, fast beiläufig, wie man eine Tatsache feststellt.

Er hatte recht.

Ich bin nicht gegen eine funktionsfähige Armee. Ich bin nicht gegen Verteidigung. Das wäre naiv, und naiv bin ich nicht, dafür bin ich zu alt und habe zu viel gesehen.

Aber ich frage mich, und ich glaube, die Frage ist erlaubt: Wo war dieses Geld vorher?

Wo war es, als die Transformation der Automobilindustrie angekündigt wurde — dieser große grüne Übergang, der uns das Zukunft bringen sollte? Wo war es, als klar wurde, dass Ostdeutschland, das als erstes auf E-Mobilität umgestellt wurde, als erstes die Zeche zahlt, wenn der Markt nicht mitspielt? Wo war die Bereitschaft, Verfassungsgrenzen zu verschieben, Sondervermögen zu schaffen, Ausnahmeregeln zu erfinden?

Damals: nicht da. Jetzt: fünfhundert Milliarden.

Ich ziehe keine parteipolitische Schlussfolgerung daraus. Das ist mir wichtig zu betonen. Ich wähle, was ich wähle, und das geht niemanden etwas an außer mir und dem Wahllokal. Was ich ziehe, ist eine andere Schlussfolgerung: Der Staat entscheidet, was dringend ist. Was wichtig ist. Was bezahlt wird. Diese Entscheidung wurde getroffen. Ich lebe mit ihr.


Dann ist da noch Trump.

Ich weiß, es klingt wie ein Witz. Aber es ist keiner.

Seit letztem Jahr gelten 25 Prozent Zoll auf Autoimporte in die USA. Fünfundzwanzig Prozent. Das trifft BMW, Mercedes, Audi — und es trifft Volkswagen. Die Autos, die ich mitgebaut habe, werden in Amerika um ein Viertel teurer. Der VW-Chef Blume hat in der FAZ erklärt, dass der Konzern mit der amerikanischen Regierung verhandelt — und bereit sei, die Produktion von Audi-Modellen in die USA zu verlagern. Nach Amerika. Damit Trump gnädiger ist.

Ich habe das zweimal gelesen.

Derselbe Konzern, der mir erklärt hat, warum mein Arbeitsplatz nicht zu retten sei — weil das nun mal die wirtschaftlichen Realitäten seien, weil der Markt entscheide, weil man gegen globale Trends nicht ankämpfen könne —, erwägt nun, Fabriken in Amerika zu bauen. Damit ein amerikanischer Präsident, der deutsche Autos als Druckmittel in einem Handelskrieg benutzt, etwas freundlicher gestimmt ist.

Und ich sitze in Zwickau.

Ich sage das nicht mit Schaum vor dem Mund. Ich sage es nüchtern, weil es nüchtern ist. Es ist die Logik des Kapitals, und die Logik des Kapitals hat keine Heimat. Das habe ich immer gewusst, theoretisch. Jetzt weiß ich es praktisch.

Mein Großvater ist 1947 nach Hause gekommen und hat nicht gefragt, ob das gerecht ist. Er hat den Kopf gesenkt und angefangen zu arbeiten. Das war sein Weg. Das war der Weg seiner Generation. Ich habe diesen Weg gelernt. Zwanzig Jahre bin ich ihn gegangen.

Jetzt frage ich mich, wohin er geführt hat.


Im März gab es Betriebsratswahlen im Werk.

Die IG Metall hat gewonnen. Das ist nicht selbstverständlich. Es gibt Kollegen, die sagen, die Gewerkschaft hat uns verraten, als sie dem Kompromiss zugestimmt hat, der die Verlagerung nach Wolfsburg möglich gemacht hat. Ich verstehe diese Wut. Ich teile sie nicht vollständig, aber ich verstehe sie.

Was ich sagen kann: Die IG Metall ist das Einzige, was wir noch haben, das uns zuhört. Ob das reicht, weiß ich nicht.

Was ich weiß: Ostdeutschland war immer ein Laboratorium. In der DDR haben wir Pläne erfüllt, die in Berlin gemacht wurden — dem anderen Berlin, dem östlichen. Nach der Wende haben wir Strukturbrüche durchgemacht, die in Bonn und später in Frankfurt entschieden wurden. Jetzt tragen wir den grünen Übergang auf unseren Schultern, während die Gewinne — falls sie kommen — anderswo anfallen. Die Ministerpräsidenten der ostdeutschen Länder haben kürzlich gefordert, dass Rüstungsaufträge auch in den Osten kommen sollen. Ich verstehe die Logik: Wenn schon Geld fließt, soll es auch hierher fließen. Aber der Nachgeschmack ist bitter. Als wäre das Einzige, was uns zusteht, die Brosamen — erst beim Aufbau Ost, jetzt beim Aufbau der Bundeswehr.

Es ist dieselbe Geschichte, immer wieder. Wir sind die Versuchsanordnung. Wenn es funktioniert, gehört der Erfolg allen. Wenn es nicht funktioniert, haben wir eben Pech gehabt.


Ich sitze manchmal am Abend in der Küche, wenn Lukas oben ist und Barbara das Fernsehen läuft hat, und denke nach.

Lukas ist siebzehn. Er fragt mich manchmal, woran ich damals gedacht habe — ob ich mir vorgestellt hätte, dass es so kommt.

Ich sage ihm: Nein. Wir haben an etwas geglaubt. An die Wiedervereinigung, an Europa, an Wohlstand durch Arbeit. Mein Vater hat daran geglaubt. Ich habe daran geglaubt. Das war keine Naivität — das war das Vernünftigste, was man damals denken konnte.

Und es war nicht völlig falsch — dreißig Jahre lang. Wir hatten Arbeit. Wir hatten ein Haus, einen Kredit, Urlaub an der Ostsee, einmal sogar Kroatien. Das war real. Das war unser Leben. Ich bereue es nicht. Ich würde es wieder so machen.

Aber irgendetwas hat sich verschoben. Ich spüre es, auch wenn ich es nicht genau benennen kann. Als würde das Land gerade entscheiden, wer zählt und wer nicht. Wer geschützt werden muss — und wer sich eben „anpassen" soll.

Arbeitsplatz in Zwickau: muss sich anpassen.
Panzer aus Niedersachsen: 108 Milliarden.

Ich sage das ohne politisches Etikett. Ich sage es als Tatsache.


Barbara hat gestern Abend wieder gefragt, ob wir nicht in den Westen ziehen sollten. Oder irgendwohin überhaupt. München. Hamburg. Irgendwo, wo es mehr Möglichkeiten gibt, wo Lukas eine bessere Chance hätte.

Es war nicht das erste Mal, dass sie gefragt hat. Es wird wahrscheinlich nicht das letzte Mal sein.

Ich habe wieder Nein gesagt.

Nicht aus Trotz. Nicht aus Nostalgie, oder zumindest nicht nur. Ich bin hier aufgewachsen. Mein Großvater ist hier gestorben. Dieses Erzgebirge, diese Luft, diese Art zu reden, die ich am ersten Wort erkenne — das bin auch ich. Wenn ich davon lasse, lasse ich von etwas, das nicht wiederkommt.

Ob das Vernunft ist oder Sturheit — ich weiß es ehrlich gesagt nicht mehr.

Was ich weiß: Wenn fünfhundert Milliarden Euro entstehen können — über Nacht, durch eine Verfassungsänderung, weil die Lage es erfordert —, dann existiert auch die Vorstellung, dass der Staat entscheidet, was dringend ist. Was es wert ist, bezahlt zu werden.

Sie haben entschieden.

Ich lebe mit dieser Entscheidung.

Und ich frage mich, was mein Großvater dazu gesagt hätte. Er, der 1947 nach Hause kam und schwieg. Der arbeitete und schwieg. Der einmal, einmal nur, diesen einen Satz sagte, den ich nie vergessen habe.

Ich glaube, er hätte geschwiegen. Und dann hätte er weitergemacht.

Ich bin noch nicht sicher, ob ich das kann.

Schulz

04.04.2026

Views: 3 | Added by: schulz | Tags: Aufrüstung, Arbeitslosigkeit, Grüner Wandel, VW Zwickau, Sondervermöge, Ostdeutschland, Elektromobilität, Handelskrieg | Rating: 0.0/0
Total comments: 0

Log In

Search

Calendar

«  April 2026  »
Su Mo Tu We Th Fr Sa
   1234
567891011
12131415161718
19202122232425
2627282930

Entries archive

Site friends

  • uCoz Community
  • uCoz Manual
  • Video Tutorials
  • Official Template Store
  • Best uCoz Websites


  •   «MAIN»

      «РОССИЯ»

      «CHINA»

      «AMERICA»

      «POLSKA»

      «ČESKO»